Immer zur gleichen Stunde
Sie saß an ihrem Küchentisch und lauschte auf das ticken der Wanduhr , es war schon fast halb 2 . In ihren Händen drehte sie den Becher mit dem Milchkaffee und daneben stand ein kleiner Teller mit einem in Spalten geschnittenen Apfel und daneben das Edelstahlhalsband , das er ihr anlegen würde , wenn er bei ihr war .
Gedankenverloren ordnete sie die Apfelspalten immer wieder neu an . Mal als Blumenmuster , mal als Stern , dann schichtete sie eine Reihe quer über den Teller um sie dann wieder rund um den Rand zu verteilen .
Das geschah ganz automatisch , während sie ihren Gedanken nachhing .
Sie wartete , auf ihn . Den Vormittag hatte sie damit zugebracht ein wenig Ordnung zu schaffen und einzukaufen .Dann war sie unter die Dusche gegangen und hatte sich für ihn zurecht gemacht . Hatte sich geschminkt , sorgfältig die halterlosen Strümpfe angezogen , das Korsett angelegt und darüber nur eine lange , dünne Bluse . Dann hatte sie die Lackpumps angezogen und Kaffee aufgesetzt .
Und nun saß sie am Küchentisch schickte ihre Gedanken auf die Reise und wartete .
Kennengelernt hatten sie sich in einem Museum , bei einer Erotik-Art-Ausstellung . Sie stand längere Zeit vor einem Bild aus wild verschlungenen schwarz-roten Linien , das sie irgendwie faszinierte . Plötzlich stand er neben ihr und sie fingen an sich über das Bild zu unterhalten und es hatte die gleiche Wirkung auf sie beide . Dann schlenderten sie gemeinsam durch die Ausstellung und unterhielten sich angeregt über die Bilder . Am Ende der Ausstellung lud er sie in ein Cafe ein . Dort verbrachten sie mehrere Stunden in denen sie sich angeregt unterhielten . Wie beiläufig zupfte er sich immer wieder mit der linken Hand am Ohr und sie sah dabei den Ring mit dem Ring den er trug . Nach einer Weile drehte sie unter dem Tisch den Ring an ihrer rechten Hand so , das auch ihr Ring sichtbar wurde und legte ihre Hand auf den Tisch .
Er sah auf ihre Hand , nahm sie auf und sah ihr in die Augen . "Ich habe es gespürt , du hast es ausgestrahlt ," sagte er zu ihr .
Und dann erzählten sie einander von ihrer Neigung .
In ihm schlummerte es schon lange , aber seine Frau konnte mit all dem gar nichts anfangen . Also lebte er es heimlich aus , obwohl er den Verdacht hatte , das sie es wüßte .
Sie hatte ihre Neigung erst ein Jahr zuvor entdeckt . Kurz nach ihrem 30. Geburtstag , ihr Verlobter hatte sie ein paar Monate vorher verlassen , hatte sie einen Mann kennnengelernt , der sie in diese Welt geführt hatte .
Sie hatte noch nie in ihrem Leben eine so tiefe Befriedigung empfunden und hatte das Gefühl endlich bei sich angekommen zu sein .
Als es schon längst dunkel war verabschiedeten sie sich voneinander und verabredeten sich für die nächste Woche wieder in dem gleichen Cafe . So ging es ein paar Wochen und irgendwann nahm sie ihn mit zu sich .
Sie unterwarf sich ihm , gab sich hin und genoß den Schmerz und die Lust die er ihr bereitete .
In den Anfangszeiten war es oft wilde , gierige Leidenschaft , sie bäumte sich auf und sie tanzten wie die Derwische miteinander .
Er fesselte und knebelte sie , benutzte sie und sie erfüllte ihm jeden Befehl voller Hingabe .
Sie genoß das klatschen von Gerte und Peitsche auf ihrer Haut und war stolz auf die Spuren , die er auf ihr hinterließ .
Er goß Wachs auf ihren Körper und zeichnete sie irgendwann mit einer Tätowierung und einige der Narben trug sie auch heute noch .
Sie trafen sich immer nur einmal in der Woche . Jeden Donnerstag kam er um 14 Uhr zu ihr .
Außer diesen selbstverständlichen Treffen hatten sie keinerlei Kontakt miteinander und jeder führte sein eigenes Leben .
Aber sie hatten trotzdem irgendwann ein tiefes , inniges Gefühl füreinander entwickelt , denn es bestand soetwas wie Seelenverwandschaft zwischen ihnen .
Manchmal , wenn sie zu seinen Füßen saß , dann redeten sie stundenlang und sie empfanden eine tiefe Ruhe und Gelassenheit .
Niemals gab es Streit oder Uneinigkeit zwischen ihnen , es war immer unkompliziert geblieben .
Sie freuten sich jede Woche erneut auf die gemeinsamen Stunden .
Es gab liebgewordene Rituale , wie das anlegen des Halsbandes und ihren knieend geäußerten Dank wenn er ging .
Nichts war festgelegt zwischen ihnen , aber vieles war selbstverständlich geworden .
Und jetzt saß sie in ihrer Küche und wartete auf ihn , wie jeden Donnerstag , in den vergangenen 30 Jahren .


