Der Schwan- oder das alte Seil
Das graubraune Hanfseil, mit dem ich sie so oft gefesselt hatte, hing von der Decke, baumelte langsam hin und her und schien mich zu verhöhnen. Das untere Ende war etwas ausgefranst, weil ich nicht mehr die Muse gefunden hatte es sorgfältig mit einem dünnen Faden abzubinden.
Das Seil war alt, sehr alt, ... um genau zu sein fast dreißig Jahre. Es war das erste Seil, dass wir gemeinsam gekauft hatten. Zehn Meter Glückseligkeit, zehn Meter Lust und Leidenschaft.
Es war getränkt von ihrem Schweiß und Saft, der so stark nach ihrer Hingabe roch. Der gleiche Saft, der so oft an meinen Fingern klebte und dessen Geruch ich so sehr liebte.
Ich besaß viele Seile und fesselte in den vielen Jahren unserer Liebe auch manch andere Frau zur Marionette, ... an Fäden aufgehängt, ... präsentiert, ... verfügbar, ... und herrlich wehrlos.
Doch dieses eine Seil war für UNS reserviert, ... für SIE bestimmt und nur IHRE Haut durfte es berühren.
Noch als vieles in unserer Beziehung beliebig wurde, war dieses Seil ein Anker geblieben der uns verband und daran erinnerte was wir füreinander waren.
Gemeinsam hatten wir das Hanfseil abgekocht, getrocknet und anschließend das Fett einmassiert um die Prozedur danach nochmals zu wiederholen.
Aus dem rauem Hanf wurde UNSER Seil. Gut lag es in der Hand und glitt sanft wie ein Seidentuch durch meine Finger und über ihre weiße Haut.
Doch es konnte auch zupacken, ... hart und erbarmungslos einen Körper verschnüren und seine ebenmäßige Flechtung in die bebende Haut gravieren.
Diese Druckstellen, über die meine Lippen zärtlich wanderten waren die Male unserer Lust.
Doch nun baumelte es verlassen von der Decke, war abgenutzt, einsam und am Ende ... wie unsere Liebe.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, als ich es zum ersten Mal versucht hatte Sie marionettengleich aufzuhängen. Mit nervösen Fingern schlang ich das Seil um ihren herrlich schlanken Körper, der weiss wie Alabaster war und auf dem das braune Seil mit ihren roten Haaren kontrastierte. Als ihre zarten Füße dann den Kontakt zum Boden verloren, stöhnte sie leise auf. Das Seil presste ihren Brustkorb schmerzhaft zusammen und ihr Blick traf den meinen.
Sie hätte nie etwas gesagt...
Doch ich spürte ihren Schmerz, der nicht der Schmerz der Lust war.
Ich lies sie rasch zu Boden sinken und wir nahmen uns in den Arm um minutenlang in uns versunken unsere Verbindung zu spüren; ... eine Verbindung die selten viele Worte benötigte.
Als sie dann das erste Mal wie ein herrlicher weißer Schwan schwerelos in der Luft schwebte, schossen mir die Tränen in die Augen und rollten wie Perlmutperlen meine Wangen hinab.
Wir waren Eins geworden, ... glücklich und tief berührt.
Viele Male fesselte ich sie zur ästhetischen Skulptur und befriedigte meine Lust an ihr.
Gemeinsam flogen wir ins Reich unserer Träume, während unser Seil ihre herrlichen Brüste umschlang und ihre kleinen, harten Warzen anschwollen.
Nachdem das Seil wieder gelöst wurde und wie eine elegante Schlange an ihrem Körper nach unten glitt, schauten wir uns das rote Muster auf ihrem Körper an, dass unser Seil dort hinterlassen hatte.
Dann nahmen wir uns glücklich in die Arme und genossen schweigend den Moment.
Danach nahm ich das Seil auf und legte es sorgfältig zusammen, damit es jederzeit bereit war unsere Verbindung zu erneuern. Erst in doppelt gelegte Schlaufen, dann drei Windungen um diese Schlaufen herum und schließlich zog ich zum Abschluss das Auge durch die Mitte hindurch. So konnte ich es gut aufhängen und beim Öffnen gab es zudem keine ungewollten Verknotungen.
Es war ein gehorsames Seil und verdiente diese Ehrbezeugung.
Die Tage unseres Glücks wurden zu Monate und dann zu Jahren. Das Seil ergraute wie meine Schläfen und ihr wallendes rotes Haar.
Schon lange hatte der schleichende Tod sich ihres Körpers bemächtigt ohne uns gegenwärtig zu sein. Als er dann laut zuschlug war es zu spät... Mein Schwan schloss ihre zarten Augen für immer.
Sie ließ mich alleine zurück.
Wochenlang schloss ich mich in unser geheimes Reich ein und ließ unser Seil wieder und wieder durch meine alten, fleckigen Finger gleiten.
Schon längere Zeit fiel es mir schwer die komplizierten und doch so einfachen Knoten zu flechten. Was früher wie von Geisterhand und ohne hinzuschauen gelang, forderte nun meine ganze Aufmerksamkeit.
Meine Tränen benetzten die Hanffasern und legten sich schwer auf meine Seele.
Doch einmal noch würde ich es schaffen dem Seil meinen Willen aufzwingen. Es war ein einfacher Knoten, ... ein Knoten der das Seil zum Schließen bringen würde. Leise und sanft würde sich die Lebensschnur enger und enger zusammen schnüren, bis der Widerstand des Körpers zu groß sein würde.
Der Knoten hatte die Form einen keltischen Zeichens angenommen. Es war das Zeichen der Ewigkeit... in sich verflochten, ... ohne Anfang und Ende.
Nun würde die Lebenslast von mir abfallen und mein Körper dem Schwan auf seinem Flug folgen.
Zum letzten Mal...
Woschofius
www.woschofius.de


