Anlässlich des Todestages von Michel Foucault versuchen wir einen Philosophen begreifbarer zu machen, der noch viele Jahre nach seinem Tod nicht vollständig verstanden und unterschiedlich interpretiert wird.
Michel Faucoult, Homosexueller, Sadomasochist, Philosoph, Ironiker, ein Mensch der die Individualität förderte.
Über sein Lebenswerk:
Foucault betrachtet in seinem Lebenswerk die Techniken der Macht und wie sie auf unser tägliches Leben Einfluß nimmt. Besonders die Beschränkung des Auslebens der Lust fand sein Interesse. Vereinfacht gesagt werden für Foucault sexuellen Randgruppen wie Homosexuelle und Sadomasochisten erst durch die Gesellschaft geschaffen.
Foucault hat sich in einem Interview eindeutig zu SM-Praktiken geäußert:
„Ich glaube nicht, daß diese Veränderungen von sexuellen Praktiken irgend etwas mit der Enthüllung oder Aufdeckung von SM Tendenzen irgendwo tief in unserem Unbewußten zu tun haben. SM ist viel mehr als das; ist die reale Schaffung neuer Möglichkeiten von Lust, von denen Leute früher keine Vorstellung hatten. Die Vorstellung, daß SM etwas mit einer tiefliegenden Gewalt zu tun hat, daß SM Praktiken die Befreiung dieser Gewalt oder Aggression sind, ist dumm. Wir wissen ganz genau, daß es nicht aggressiv ist, was solche Leute tun; sie erfinden neue Möglichkeiten von Lust mit merkwürdigen Teilen ihrer Körper - durch die Erotisierung ihrer Körper. Das ist ein kreatives Projekt, das vor allem durch die - wie ich es nenne - Desexualisierung der Lust gekennzeichnet ist. Die Vorstellung, daß körperliche Lust immer von sexueller Lust als der Wurzel all unserer möglichen Lüste herrührt, halte ich für ziemlich falsch. Diese Praktiken machen klar, daß wir Lust mit sehr komischen Dingen, sehr merkwürdigen Teilen unseres Körpers, in sehr ungewöhnlichen Situationen produzieren können“ (Diskus 3/99).
Foucault sieht SM aber durchaus auch als gesellschaftskritisch. Für ihn ist eine SM Session durchaus eine Spiel mit Machtstrukturen bei dem es auch zur Umkehr der Macht und somit zur „Befreiung“ kommen kann. Es ist ein Strategiespiel, dass körperlichen und psychische Lust hervorruft.
Sexuelle Lust wird von den bestehenden Machtstrukturen nur als Mittel der Ordnung und Fortpflanzung gesehen. Somit ist Heterosexualität und Blümchensex die gewünschte Form des sexuellen Lebens. Abweichungen davon werden als Bedrohung der Ordnung wahrgenommen und entsprechend bekämpft. Sei es die Kirche oder der Staat, beide haben stets strenge Gesetze gegen die Abweichung der Sexualnorm erlassen.
Vielleicht hat Foucault auch aus diesem Grund eine grundsätzliche Reform des Strafvollzugs eingefordert.
Seit 1975 kämpfte er für die Rechte der Homosexuellen und bekannte sich auch offen zu seinen sadomasochistischen Neigungen.
1983 erfuhr er von seiner HIV Infektion, zu der er sich nie öffentlich äußerte.
Warum dieses Schweigen?
Selbst nach seinem Tod am 25. Juni 1984 versuchte man die wahre Ursache zu vertuschen.
Michel Foucault war ein Vorkämpfer für die sexuelle Selbstbestimmtheit.
Kurzbiografie
- 15.10.1926 Paul-Michel Foucault wird in Poitiers (Frankreich) als Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren.
- 1945/46 Schulabschluss am Lycee Henri IV, Paris und Zulassung zur Ecole normale superieure in Paris.
- 1948 Diplom in Philosophie. Diplomarbeit über Hegel. Psychologiestudium, Auseinandersetzung mit Psychopathologie und Psychiatrie.
- 1949 Diplom in Psychologie.
- 1951 Staatsexamen in Philosophie
- 1952 Diplom für Psychopathologie. Assistent für Psychologie an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Lille.
- 1954 Veröffentlichung seines Buches „Geisteskrankheit und Persönlichkeit“
- 1955 Lektor an der Universität Uppsala, Leitung der Maison de France. Arbeit an seinem ersten großen Werk "Wahnsinn und Gesellschaft".
- 1958 Direktor des Centre français an der Universität Warschau
- 1959 Direktor des Institut français in Hamburg
- 1960-66 Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand
- 1961 Promotion mit "Wahnsinn und Gesellschaft"
- 1965-68 Gastprofessur an der Universität Tunis
- 1966 „Die Ordnung der Dinge“ entsteht
- 1968-70 Beteiligung an der Gründung des Centre universitaire experimental de Vincennes
- 1970-84 Professur für Geschichte der Denksysteme am Collège de France.
- 1971 Gründung der GIP (Gruppe zur Information über Gefängnisse).
- Foucault beteiligt sich an den Demonstrationen gegen die Praxis des französischen Strafvollzugs.
- 1975 Erster Aufenthalt in Berkeley, Kalifornien. "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses".
- 1976 „Sexualität und Wahrheit“
- 1978 Japanaufenthalt. Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus.
- Aufenthalt im Iran, wo er für den "Corriere della Sera" über die islamisch- fundamentalistische Revolution berichtet. Politisches Engagement gegen das Schahregime.
- 1982 Polenreise, Unterstützung der Solidarnosc-Bewegung.
- 1984 „Die Sorge um sich“ und „Der Gebrauch der Lüste“
- 1984 Tod in Paris am 25. Juni an den Folgen einer HIV-Infektion.



